Historie

Die Discothek Soul-Center war von 1974 – 1991 in Mönchengladbach beheimatet und überaus beliebt, da dort ausschließlich Soul, Funk, Rap und Reggae – Musik gespielt wurde.
In anderen Städten auftauchende Adaptionen (z.B. in Düsseldorf) hatten und haben nichts mit dem Original in Mönchengladbach zu tun.

Es fing alles an im Oktober 1974, also in einer Zeit, als es in Mönchengladbach noch sehr konservativ zuging, die Altstadt aus einigen wenigen Pinten und Discotheken bestand und der „Durchschnitts-Deutsche“ mit Musikrichtungen wie Soul, Funk & Reggae nichts anfangen konnte. Ein junger Afrikaner, Toni Odomade, entdeckte diese Marktlücke in Punkto schwarzer Musik und eröffnete auf der Krefelder Straße in MG, also weit ab vom Schuss wie man am Niederrhein sagt, das SOUL CENTER. Wilmar van Beeren übernahm, pachtete und prägte dann das Objekt Soul-Center ab 1975.

Wilmar van Beeren stammt gebürtig aus Amsterdam und verbrachte seine Jugend in einem liberalen Umfeld und in dieser Stadt, welche man schon in den 60 Jahren zurecht als 100% multikulturell bezeichnen konnte. Das friedliche Zusammenleben vieler Farbiger Mitmenschen aus Surinam, diversen afrikanischen Ländern uns anderen ehemalig holländischen Kolonien war im Amsterdam der 50er – 70er Jahre Weltweit sicherlich fast einzigartig. Somit wuchs er früh mit Soul, Funk, Jazz. Reggae, Calypso – Musik auf, welche Ihn natürlich auch positiv beeinflusste.
Anfang der 70er Jahre verschlug es Ihn und seine erste Frau Diana nach MG, wo er für die britische Rheinarmee als Installateur arbeitete, bis er, wie bereits erwähnt, erst nebenberuflich und dann vollberuflich Gastronom wurde.

1978 zog man um zur Waldhausenerstr. 145 in MG ins Zentrum in eine Randzone der Altstadt. Die Discothek SOUL CENTER bestand von 1978 bis Ende der 80er Jahre aus 3 Bereichen. Es gab einen lang gezogenen schmalen Eingangsbereich (Bereich 1).
Hinter der Kasse gab es eine Abzweigung nach Links wo „der Club“ beheimatet war. Hier gab es, einem kleinen Bistro ähnlich, mit gemütlichen Sitzgruppen bestückten Raum inklusive langer Theke mit Bar-Hockern. Dort lief eher softe Soulmusik a la Teddy Pendergrass, Millie Jackson etc. In diesem Bereich gab es zudem ein Snack-ähnliches Food-Angebot. Im CLUB konnte man das lockere „Kennen lernen“ eines Partners gemütlich intensivieren (Bagger-Zone)
In Höhe des Abzweigs Richtung CLUB konnte man, über eine nach links geschwungene, nach unten führende Treppe, nach unten gehen und gelangte in den Hauptraum (Bereich 3).
Dieser, für diese Zeit nicht untypische Discothekenbereich beinhaltete Anfangs eine relativ kleine Tanzfläche (direkt Rechts) und eine, für heutige Verhältnisse kleine Beschallung. Anfangs war auf der Stirnseite wiederum ein Sitzgruppenbereich zu finden, der Rest dieses lang gezogenen Röhren-Kellerraum war Stehplätzen vorbehalten und beinhaltete eine „Über-Eck-Theke“ im linken Teil des Raums.
Es gab Anfang der 80er einen elementaren Umbau. Die Tanzfläche wurde vergrößert, eine TOP-Beschallung von JBL produzierte den wohl besten Klang im Vergleich zu den anderen vorhandenen Diskotheken am Niederrhein.
Ende der 80er (ca. 1987) wurde direkt links neben dem Eingangsbereich ein zusätzliches Bistro „Carribbean“ eröffnet (Bereich 4 )

An diese Stelle muss man Wilmar van Beeren ausdrücklich bescheinigen, dass er, was Technik angeht, mit der innovativste Discothekenbetreiber in NRW war. Egal ob es die beste neue Mischpultgeneration (DATEQ), die Beschallung (JBL), den ersten Profi-CD-Player mit Pitch-Möglichkeit (Technics), einen Sampler, oder Effektgeräte wie Phaser etc., den ersten Beat-Counter der Welt betraf, Wilmar van Beeren investierte ohne zu zögern sofort und ließ seine DJs sehr häufig „die Ersten“ sein.

Genauso Innovativ war er was den Einkauf der Schallplatten und später auch CDs anging. Alle 14 Tage fuhr er mit seinen DJs nach Amsterdam und kaufte alle Trendsetter und Neuigkeiten aus den Bereichen Soul, Funk. Old-School Hip-Hop, Jazz-Funk und anfangs auch Reggae, Soca und afrikanische Musik. An dieser Stelle sei einmal gesagt, dass dieses Investitionsverhalten beileibe nicht typisch war für diese Zeit. Damals wurde, im Gegensatz zu Heute wo jeder DJ seine Musik selbst kauft und mitbringt, die Musik vom Diskothekenbetreiber gekauft. Und diese Betreiber waren zu 98% eher sparsam eingestellt was den Einkauf von Schallplatten anging.

Musikalisch gab es zwischen 1974 – 1991 natürlich auch verschieden Stiel-Perioden.

In den Mid-70s war angesagt:

  1. Funk-Music a la James Brown, Brass Construction, Commodores, Parliament / Funcadelic, Dazz, Cameo, Bar Kays, Roce Royce, Ohio Players, Slave etc (+ hunderte Independents)
  2. Soul a la Barry White, Marvin Gaye, diverse Philly-Soul Acts (+ hunderte Independents)
  3. Disco-Soul a la Tavares, Trammps, Bee Gees, Gloria Gaynor. J.A.L.N. Band, Peoples Choice, KC & The Sunshine Band, The Real Thing (+ hunderte Independents)
  4. Reggae / Soca ( 1 oder 2 x 30 – 45 Min pro Abend)

Late 70s – Early 80s (ca. 1978 – 1982):

  1. Soul-Funk wie z.B. Chic, Brothers Johnson, Kool & The Gang, Earth Wind & Fire, Mc Fadden & Whitehead, Sister Sledge, Gap Band, Shalamar, Delegation, Melba Moore, Michael Jackson, The Whispers (+ hunderte Independents)
  2. Funk a la Zapp, Skyy, The Reddings, Lakeside, Instant Funk, Con Funk Shun, Bill Summers, Kleeer, Shock, Sun, The Time, Prince, Vanity 6, Fatback Band, Trouble Funk, George Clinton, One Way, Silver Platnum, Rick James

(+ hunderte Independents)

  1. Old School Rap / Breakdance a laGrandmaster Flash, Shugarhill Gang, Joe Bataan, Kurtis Blow, Africa Bambaata etc (+ dutzende Independents)
  2. Jazz-Funk a la  Stanley Clarke, Herbie Hancock, Groover Washington, Earl Klugh, George Duke etc
  3. Reggae / Soca (5-7 Titel pro Abend, + ab und an eine komplette Reggae-Night)

Ca 83 – 87 (Vocoder Sounds und Midi-Technik – beeinflusste Sounds):

  1. Soul-Funk a la SOS Band, Maze, Dazz-Band, Midnight Star, Atlantic Starr, Timex Social Club, Masquerade, Ready For The World, Alexander O´Neal, Janet Jackson, Sheila E., O´Brian (+ hunderte Independents)
  2. 80s Soul a la Chaka Khan, Change, Booker Newberry III, Dennis Edwards, Jocelyn Brown, BB & Q Band, Luther Vandross, Surface, Chuck Stanley, Eugene Wilde, Oran Juice Jones, Joyce Simms (+ hunderte Independents)
  3. SOUL-JAZZ-FUNK  a la  Mezzoforte, Tyzik, New Jersey Connection, 2 Tuff, Yasuko Agawa etc.
  4. Hip Hop / Breakdance a la Nucleus, Freestylers, Mc Shy D, Heavy D & The Boys, Naughty By Nature, Tribe called Quest, Kool Moe Dee, Run-DMC, Salt ´n´Pepa, Rob Base & DJ Easy Rock, 2 Live Crew,  Fresh Prince & DJ Jazzy Jeff (+ hunderte Independents)
  5. Reggae (5-7 Titel pro Abend, + ab und an eine komplette Reggae-Night)

 

Late 80s (ca. 87 – 91):

  1. Swingbeat / New Jack Swing a la Keith Sweat, Boys II Men, Bobby Brown, Basic Black, 2 Brothers o The Floor, Toni Tony Toné, Guy / Teddy Riley / Blackstreet / Wreckxx-N-Effect, Jonny Kemp, Montell Jordan (+ millionen Independents)
  2. Hip Hop a la Eric B, De La Soul, MC Hammer, Digital Underground, Tone Loc, Big Daddy Kane, Dr. Der, Snoop Dogg (+ hunderte Independents)
  3. Chicago House…. (4-5 Titel pro Abend)

WARUM WAR DAS SOUL CENTER IN MG SO POPULÄR UND EINZIGARTIG?

Folgende Dinge geben die Antwort:

Publikum & Musik

Das Musik Programm war durch verschiedenste Besuchergruppen geprägt.
(% – Angabe bezieht sich auf den Anteil in den 80ern)

  1. 20% US-Amerkaner stationiert als GIs in ganz Deutschland = Soul / Funk / Hip Hop
  2. 15% Britische Soldaten Jamakanischer Herkunft, stationiert in NRW = Brit-Soul / Jazz-Funk / Reggae
  3. 10% Afrkanische Studenten (FH MG) = Reggae, Soca, US-Soul
  4. 5 % Holländische Gäste mit Abstammung Surinam
  5. 45% Deutsche aus ganz NRW (35% aus MG)
  6. 5%  diverse Nationalitäten

Das Musikprogramm war somit alles andere als eindimensional obwohl es sich ja „nur“ mit schwarzer Musik beschäftigte. Das Soul Center und war absoluter Trendsetter nicht nur was Musik anging (wir waren in hunderten Fällen die ersten in Mitteleuropa was das Spielen von neusten US- u. UK-Veröffentlichungen anging) sondern auch z.B. der erste Club welcher Freestyle & Breakdance Tanzwettbewerbe, Graffiti –Events, Miss Wet T-Shirt – Conteste, Rap-Contests  in unserer Region durchführte

Ergänzend noch folgende Tatsache:

Das Publikum war flexibler als Heutzutage. Titel wie Another One Bites The Dust / Queen, Don´t Go For That / Haryl & Oates, Let´s Dance / David Bowie, Situation US-Remix / Yazoo oder Titel z.B. von Kraftwerk wurden von Schwarz & Weiß begeistert betanzt weil der Beat oder der Groove „Funky“ waren. Solche „Ausreißer“ machten nur 1% des Programms aus und machten aber Spaß. Sollte Heute ein DJ bei einer Black-Music-Party 2008 einen Pop-Titel im Hauptprogramm spielen hat er gute Chancen auf ein Messer im Rücken.
Schön war auch z.B. Karneval, wenn eine Mörder-Polonaise, bestehend aus Amis, Engländern, Afrikanern und Deutschen gemeinsam „Ein Pferd auf dem Flur“ intonierend, sich durch das übervolle SOUL CENTER schlängelte. Bei diversen Fragen von Amis „was man den da überhaupt singen würde“ gab es viel Spaß bei den Übersetzungen.

Freitags und Samstags wurde diese friedliche multikulturelle Gastro-Insel anfangs von durchschnittlich (Krefelder Straße) 150 – 250 Gästen pro FR & SA besucht, später durchliefen ca. 300 – 400 Besucher an diesen Tagen das Objekt auf der Waldhausenerstraße.

Erwähnen möchte ich noch eine Besonderheit der Jahre 1981 – 1984. In dieser Zeit war Wilmar van Beeren 1. Vorsitzender der Mönchengladbach Mustangs (American Football). Die Mustangs rekrutierten im SOUL CENTER Ihrerseits reichlich vorhandene US-Amerikaner für Schlüsselpositionen, andererseits war die Diskothek auch Vereinslokal und Anlaufstelle für das Jugendteam und die Seniorenmannschaft. Da DJ Andrematic (André Fossen) zudem im ersten Jahr als Stadionsprecher der Mustangs agierte und dann selbst als Flanker u. Quarterback spielte wurde das Stammpublikum natürlich direkt eingebunden und erschien nicht nur Zahlreich bei Heimspielen, sondern unternahm auch skurrile Auswärtstouren in bis zu 2 gefüllten Fanbussen.
In diesen Jahren, ohne Internet, ohne Playstation, mit 3 TV-Programmen gab es einen Zusammenhalt und eine Spaßfaktor, welcher einfach einmalig war. Heute ist dass vielleicht noch ansatzweise bei den SOUL CENTER REVIVAL PARTYS zu erahnen ist.

DJs

(Die Aufzählung der DJs wird noch nachträglich komplettiert und verfeinert.)

Tatsache ist, Wilmar van Beeren war immer in der Lage, den frühen DJs inkl. André Fossen (1981) beizubringen die verschiedenen Publikumsgruppen zu lesen und auch musikalisch in Soul Center-Spektrum bedienen zu können.
André Fossen (DJ Andrematic) hat dieses Gelernte mit seinen, damals einzigartigen, Talenten perfekt kombiniert. Er hatte einen guten Sinn für Stimmungswechsel, exzellente Kenntnisse zur Soul-Funk-Musikszene, konnte sehr gut Mixen, traf eine sehr gute Auswahl beim Einkauf der Musik, hatte die Fähigkeit Stimmung über Mikro erzeugen zu können, erarbeitete sich Moderations Know-How womit er  die Sonderveranstaltungen damit extrem Erfolgreich gemacht hat.
Sein US-Amerikanischer-Style beim Mikro-Einsatz ist zwar dem ein oder anderen Gast schon mal auf den Nerv gegangen, letztendlich hat es den meisten Gästen seiner Zeit aber so gut gefallen, dass die Ära André Fossen (DJ Andrematic mit Unterbrechungen 1981 – 1988) dazu geführt hat diesen Club auch weit über die Grenzen der Region in Deutschland richtig bekannt gemacht zu haben.

Die prägensten DJs des Soul Center waren:

DJ Dave (ca. 1978 – 1979), englischer Staatsbürger, super gut in Sachen Reggae

DJ Sammy „Sammy Sam“(diverse Zeitzonen ab 1985) , wurde von André Fossen angelernt und eingearbeitet. Kein Moderator. Sammy hatte aber eine Fähigkeit, welche André Fossen nie besaß. Er war ein perfekter „Scratcher“ und hat sich diese ganz alleine beigebracht. Ist noch partiell aktiv.

DJ Carlos, ( diverse Zeitzonen1988 – 1991), technisch super versiert, keine Moderation. Hat die Basics von André Fossen gelernt. Ist aktuell Weltweit ein TOP-ACT der aktuellen Black Music DJ – Scene.

DJ Wilmar van Beeren ( immer mal wieder wenn er keinen Top DJ hatte, 1975 – 1979), der Chef legte auch selbst auf. Moderation war ne Katastrophe (Das einzige was er über Mikro mehrfach am Abend von sich gab war: „get down you motherfuckers“ mit holländischem Akzent = intellektuell nicht anspruchsvoll aber lustig), hatte Ahnung von Publikum und Musik

DJ Andrematic / André Fossen ( 1981, 6 Monate / Feb1982 – Mai 1985 / jan 1986 – Dez 1986 / Nov 1987 – Nov 1988 / diverse Einzelevents1990 u. 1991)

+ DJ Detlef (Springer in den 80ern, + DJ Kelvin (Anfang der 80er, 6 Monate jedes 2. Wochenende) + diverse

Die Mischung der Faktoren

  1. Zeitperiode 70er – 80er Jahre = sozialer Frieden, wenig Kriminalität, Disco als hoher Freitzeitwert-Faktor
  2. Underground-Status des Soul Centers = Einzigartig und führend in Deutschland bezüglich der Musikrichtung
  3. Mischung des Publikums = Interessante liebenswerte Kontakte
  4. Soul & Funky – Music at its very best
  5. Top-DJs mit Charisma
  6. Innovative, engagierteGeschäftsführung

führten dazu das wir Alle richtig viel Spass hatten.

Das Soul Center war etwas Einzigartiges.
So etwas wird es in dieser Region, in solch
einer Konstellation, nicht mehr geben.

 

Persönliche Anmerkung zum Schluss:

Wir können Glücklich sein in dieser Zeitperiode jung gelebt zu haben.

Wir, in Mönchengladbach, hatten

  1. das SOUL CENTER,
  2. eine tolle Altstadt,
  3. die beste Fußballmannschaft aller Zeiten (Borussia Mönchengladbach vor der Tür, 
  4. das beste American-Football Team der NFL aller Zeiten begann die Mannschaft des Jahrzehnts zu werden (San Franzisco 49ers),
  5. eine Bildungsituation welche sehr gut war,
  6. eine Arbeitsmarktlage welche fast Allen erlaubte in Maaßen Spaß zu haben,
  7. ein soziale Gefüge welches in Ordnung war
  8. Musik welche geiler nicht sein kann.

Vielen Dank…..  wer auch immer dafür verantwortlich ist.